Pünktlichkeit und kleine Kinder? Schwierig. Insofern darf Hildegard Bentele an diesem Februarmorgen durchaus den Mütter-Joker ziehen: Ein wenig abgehetzt und eine halbe Stunde zu spät manövriert die bildungs- und europapolitische Sprecherin der Berliner CDU einen roten Kinderwagen durch die Tür des Kreuzberger Cafés. Ein Blick unter das Verdeck: „Na, immerhin schläft die Kleine jetzt, dann haben wir Zeit.“ Bentele bestellt sich einen Espresso, „Doppelt bitte!“

taz: Frau Bentele, zu dem Interview musste man Sie ja ganz schön überreden.
Hildegard Bentele: Ich habe in den letzten vier Jahren hart daran gearbeitet, eine gute Bildungspolitikerin zu werden, das ist mein Job. Ja, Mutter bin ich in dieser Legislatur auch zweimal geworden. Aber als ich meinen Sohn, nicht wie alle anderen Mütter um mich herum, mit einem Jahr in die Kita gegeben habe, sondern ihn zur Arbeit mitgenommen und sogar das berüchtigte Betreuungsgeld bezogen habe, wurde das als Statement wahrgenommen.

Warum, glauben Sie, war das so?
Weil die Frage, wie lange sich eine Mutter mit ihrem Kind beschäftigen sollte, leider stark ideologisch diskutiert wird. Ich möchte aber kein Aushängeschild für irgendeine Ideologie sein. Ich wünsche mir vielmehr, dass alle Frauen Respekt für ihre jeweils sehr persönliche Entscheidung bekommen.

Gibt es da eine Leerstelle vielleicht gerade auch im feministischen Diskurs?
Ich bin dafür keine Expertin, aber dieser scheint sich teilweise mehr darum zu drehen, wie sich Frauen möglichst aus allen Abhängigkeiten befreien, als darum, wie sich Frauen in selbst gewählten Abhängigkeiten – und Familie bedeutet Abhängigkeit – Freiräume schaffen können. Außerdem wird erwartet, dass Frau Karriere macht – Stichwort Fachkräftemangel. Das ist eine Verengung auf eine rein ökonomische Sichtweise, in der Fürsorgearbeit nichts zählt, weil sie nicht bezahlt wird.

Familienarbeit ist für viele Frauen aber eben immer noch eine Entscheidung gegen die Karriere. Die Zahl der Vollzeit arbeitenden Frauen ist laut Bundesarbeitsministerium seit 2001 von 55 auf 40 Prozent gesunken. Dagegen beeinflusst die Familiengründung das Berufsleben von Männern kaum.
Ich habe mit 26 Jahren angefangen, Vollzeit zu arbeiten, und werde das bis mindestens zu meinem 67. Lebensjahr tun. Da erscheinen mir sechs Jahre meiner Berufstätigkeit, die ich für meine beiden Kinder in Teilzeit arbeite, absolut in Ordnung – auch wenn Kollegen und Kolleginnen ohne Kinder in meinem alten Job als Diplomatin jetzt erst einmal an mir vorbeiziehen. Außerdem finde ich die Idee von linearen Karrieren und Vollzeitjobs, ehrlich gesagt, ohnehin nicht so sinnvoll: Väter und Mütter brauchen Flexibilität und Zeitautonomie.

Schön wär’s – die Realität in den Unternehmen sieht oft anders aus.
Sicher muss das immer wieder neu verhandelt werden. Nach meinem ersten Kind habe ich aufgehört, als Diplomatin zu arbeiten, und war „nur noch“ Abgeordnete. Aber für die nächsten Wahlen bin ich nun nicht mehr für einen unsicheren Listenplatz wie noch 2011, sondern für einen aussichtsreichen Wahlkreis nominiert worden. Ist das nun Karriere oder nicht? Schwer zu sagen. Wichtig ist, dass ich durch einen Seitenschritt in meinem Berufsleben mehr Flexibilität bekommen habe, was mir echte Familienarbeit überhaupt erst erlaubt.

Glauben Sie eigentlich an die Frauenquote für Unternehmen?
Nein, weil nicht wenige Frauen auf dem Weg dorthin männliche Verhaltensmuster übernehmen. Da werden dann einfach die Rollen getauscht, die Frau ist auf ihrem Posten vermeintlich unabkömmlich und der Mann kümmert sich um die Kinder.

Was könnte denn helfen?
Männer wirklich für die Fürsorgearbeit zu interessieren. Auch wenn viele Männer bisher nur zwei Monate Elternzeit nehmen: Das ist ein Anfang.

Mussten Sie in der Fraktion dafür kämpfen, Familie und Beruf vereinbaren zu können?
Nein. Viele Kollegen, auch unser Fraktionsvorsitzender Florian Graf, haben selbst Kinder. Unsere Parteiveranstaltungen haben jetzt seit Kurzem auch ein Anfang und Ende, und unsere Sitzungsleiter halten sich sogar daran – super! Solche kleinen Veränderungen bieten zumindest etwas mehr Planbarkeit.

Quelle: taz am Wochenende, Sonnabend/Sonntag, 5./6. März 2016, S. 48-49.

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