Viele hauptstädtische Jugendliche sprechen ein seltsames Deutsch. „Isch geh Fitness“, heißt es da, und in Online-Chats achten sie oft kaum auf die korrekte Rechtschreibung. Nun hat auch eine groß angelegte Studie erneut festgestellt, dass Berliner Neuntklässler bei den Deutschkenntnissen ganz hinten liegen. Allein in Bremen sieht es noch schlechter aus. Das ist das Ergebnis des aktuellen Bundesländervergleichs, den das Institut für Qualität im Bildungswesen (IQB) im Auftrag der Kultusministerkonferenz erstellt hat. Fast jeder dritte Berliner Neuntklässler erfüllt demnach die Mindeststandards beim Lesen nicht. Betrüblich ist, dass die Berliner Schüler im Vergleich zur letzten Studie vor fünf Jahren nicht besser geworden sind, die Lesefähigkeit hat sogar nachgelassen.

„Die Ergebnisse stellen nicht zufrieden“, sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Natürlich sei die Schülerschaft in einem Stadtstaat wie Berlin eine besondere Herausforderung. „Die Verbesserung der Schulqualität wird auch zukünftig die Hauptaufgabe sein.“ Nötig seien ausreichend Fachlehrer schon in der Grundschule und intensivere Sprachförderung. Mit dem neuen Lehrerbildungsgesetz müssten angehende Grundschullehrer zwingend Deutsch und Mathe studieren (wobei zuletzt gut 40 Prozent der Studenten durch die Mathe-Prüfung fielen).

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnte, die Verantwortung einseitig bei den Lehrern abzuladen. Es fehle an Personal, um die Schüler individuell zu fördern. Im gleichen Atemzug fordert die GEW, solche Vergleichstests einfach abzuschaffen. „Sie belasten Lehrer und Schüler zusätzlich, Konsequenzen bleiben aber aus“, sagte GEW-Chef Nuri Kiefer. CDU-Bildungspolitikerin Hildegard Bentele sprach von einer leistungsabgewandten Schulpolitik.

Keine Verbesserungen bei der Bildungsgerechtigkeit

Im Englischen haben sich die Leistungen der Berliner Schüler indes etwas verbessert, Berlin liegt hier im oberen letzten Drittel. Insgesamt beherrschen die deutschen Neuntklässler die englische Sprache deutlich besser als noch vor wenigen Jahren. Ostdeutsche Länder wie Brandenburg fallen besonders positiv auf. Im Fach Deutsch gibt es hingegen generell keine wesentlichen Verbesserungen. Die Bildungsminister der Länder hoben allerdings positiv hervor, dass zwei Drittel der Schüler in deutscher Rechtschreibung bereits ein Jahr vor dem Mittleren Schulabschluss den Standard erreichen, der für Ende der zehnten Klasse vorgesehen ist. Bei den in der Studie untersuchten Kenntnissen im Fach Englisch gelingt dies gut vier von zehn Neuntklässlern.

Zuwanderer-Kinder werden in die Studie, deren Daten im Jahr 2015 erhoben wurden, erst einbezogen, nachdem sie ein Jahr lang in Deutschland die Schule besucht haben. Die Folgen der Flüchtlingskrise spielen also noch keine Rolle.

Keine entscheidenden Verbesserungen gab es in Sachen Bildungsgerechtigkeit. Deutschland tut sich weiter schwer, Schüler mit bildungsfernem Hintergrund angemessen zu fördern. Einzige Ausnahme: Bei den Lesekompetenzen im Fach Deutsch hat sich der Abstand zu denen aus bildungsnahen Schichten verringert.

Schleswig-Holstein überrascht

Auch die Startnachteile, die Kinder mit Migrationshintergrund oft haben, konnten gerade im Fach Deutsch nicht abgebaut werden. In Englisch sind die Unterschiede geringer ausgeprägt. Wenn Jugendliche zu Hause nur gelegentlich Deutsch sprechen, schneiden sie nicht nur in Deutsch, sondern auch in Englisch schlechter ab.

Im Länder-Vergleich bleibt Bayern an der Spitze, Schleswig-Holstein ist neben Sachsen ein Aufsteiger. Deutlich verschlechtert hat sich Baden-Württemberg. Die Leiterin der IQB-Studie, Petra Stanat, erklärte dazu, die Ergebnisse legten nahe, dass es nicht entscheidend darauf ankomme, wie viele Schüler zum Gymnasium gingen und wie stark das Schulsystem gegliedert sei oder nicht. Wichtig sei, dass die Länder ihr Augenmerk darauf richteten, den Unterricht zu verbessern.

Quelle: Berliner Zeitung, 28. Oktober 2016

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